… und das bin ich auch!

28.10.2025 | Leitgedanken

von Günter Stauß,
Klinikseelsorger

Haben Sie ein Lieblingsmärchen? Oder hatten Sie ein Lieblingsmärchen als Sie noch Kind waren? Eines, mit dem sie ihre Eltern oder Großeltern immer wieder geplagt haben, bis die es Ihnen endlich vorgelesen haben? Ich erinnere mich an eine Kindheitsphase, in der ich schon selbst lesen konnte und immer wieder das Märchen der Gebrüder Grimm „Der goldene Vogel“ gelesen habe. Wen wundert´s: Held des Märchens ist der Jüngste von drei Brüdern. Und das bin ich auch; sogar mit Abstand der Jüngste.
 
Als ich es heute nach sehr langer Zeit wieder gelesen habe hat es mich wieder berührt, aber an anderen Stellen, mit anderen Fragen, Akzenten, mit anderem Erschrecken, Widerspruch und Zustimmung. Der selbe Text hat in (m)eine jetzige Lebenssituation neu hineingesprochen. Genauso geht es mir mit biblischen Texten und mit kirchlichen Festen. Jedes Fest, jedes Evangelium spricht Jahr für Jahr neu in (m)eine jetzige Lebenssituation und ich kann entdecken: … und das bin ich auch!
 
Dies Leitgedanken sind die letzten in diesem Kirchenjahr und informieren über die Zeit zwischen Allerheiligen und Christkönig.
 
Haben Sie eine/n Lieblingsheilige/n? Direkter formuliert: Falls ja, was hat sie/er mit Ihnen zu tun? Bei mir wechseln die Lieblingsheiligen immer mal wieder. Zurzeit ist es Bruder Klaus von der Flüe, Mystiker und heute würde man sagen „Friedensaktivist“. Heilige können Vorbilder für uns sein und das ist gut. Gefährlich wird´s, wenn wir sie „auf einen Sockel“ stellen. Dann können sie uns entrücken und die Entdeckung „und das bin ich auch“ geht verloren.
 
In jeder Heiligen, in jedem Heiligen ist eine andere Möglichkeit dargestellt, heil und ganz zu werden. Sebastian, der von Pfeilen durchbohrt wird, zeigt uns, dass der Weg zu Gott durch unsere Verwundungen geht oder zumindest gehen kann.
 
Die heilige Margarete führt einen Drachen an der Kette spazieren. Welch starkes Bild! Kann auch ich lernen anzunehmen, zu akzeptieren, was ich an mir selbst nicht mag: meine Schattenseiten, meine dunklen Gedanken (Dämonen) - „und das bin ich auch“? Vielleicht erlebe ich dann, dass ich diese Seiten an mir gar nicht bekämpfen muss, sondern versöhnt mit ihnen leben kann und sie mir dann vielleicht sogar „gehorchen“.
 
Was haben unsere Patrone, Martin und Lioba mit Ihnen zu tun? Am 11. November ist – wie jedes Jahr – St. Martin und doch kann dieser Heilige uns in unsere heutige Lebenssituation neu ansprechen. Am Sonntag, 9. Nov. ist beim Patrozinium Gelegenheit dem nachzuspüren.
 
Am Fest Allerheiligen können wir uns als Teil all dieser Menschen verstehen, die wir Heilige nennen. Jede und jeder von uns geht ihren/seinen eigenen individuellen Lebensweg und muss wie im Märchen die unterschiedlichsten Herausforderungen bestehen. Bei jeder „Lebenskurve“, durch jede Erfahrung können wir uns selbst besser kennen lernen, „ganzheitlicher Mensch werden“: … und das bin ich auch.
 
Vielleicht könnten wir das Fest „Christkönig“ als Ziel unseres Menschwerdens sehen: „König“ ist für die Bibel weniger ein politischer als ein psychologischer Begriff, der die Ganzheit und Schönheit des Menschen umfasst.
 
Jesus Christus ist für uns der Mensch. Als Getaufte dürfen wir sagen: und das bin ich auch; ein Mensch mit königlicher Würde, frei und souverän, niemand und nichts darf mich beherrschen. An Jesus Christus kann ich Maß nehmen.
 
Sein Leben wird im Kirchenjahr entfaltet und lädt dazu ein, uns selbst zu erkennen. Jedes Jahr neu mit alten Festen und bekannten Texten, die in unsere Lebenssituation sprechen.
 
  

Günter Stauß

Klinik- und Heimseelsorger