Das zarte Pflänzchen der Hoffnung

22.12.2024 | Leitgedanken

von Pfarrer Thomas Holler

Bild: Jesus als Spross aus der Wurzel Jesse (Tauberbischofsheim, St. Martin, Marienaltar)
 
 
Angst prägt heute das Leben vieler Menschen. Verständlicherweise! Denn es gibt ja heute vieles, was einem Angst machen kann: Kriege und Verbrechen, die Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltzerstörung, aber auch Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und Altersarmut, gesellschaftliche Umbrüche und technische Neuerungen, die uns überfordern und verunsichern, und nicht zuletzt die Angst vor Alter, Einsamkeit, Krankheit und Tod.
 
Angst ist von Natur aus eigentlich ein Warnsignal, das uns bei drohender Gefahr in Alarmbereitschaft versetzt und alle Kräfte in uns mobilisiert, um Leib und Leben zu retten. Von daher ist Angst ein wichtiger Schutzmechanismus, der nebenbei auch unsere Vorsicht und Rücksicht fördern kann. Wenn Angst jedoch zu stark wird oder sich verselbständigt, kann sie uns lähmen und schwer belasten, Panik auslösen und das Leben zur Qual machen.
 
Angst kann auch den Glauben von Menschen erschüttern und ihr Gottvertrauen infrage stellen. So war es bei Jesus selbst in der Nacht vor seinem Leiden und Sterben, als er am Ölberg in Todesangst Blut und Wasser geschwitzt hat. So war es bei Propheten und Heiligen in Zeiten der Verfolgung, als sie um Leib und Leben fürchten mussten. So war es im Volk Israel bei Katastrophen wie der Zerstörung Jerusalems und der Gefangenschaft in Babylon.
 
Hoffnung ist in solchen Situationen das einzige, was Menschen seelisch über Wasser halten kann. So hat schon der Apostel Paulus gesagt: „Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen“ (Röm 5,5). Wer noch auf etwas hoffen kann, der hat ein Ziel vor Augen, das die Mühe des Weges lohnt und Kraft gibt, schwere Zeiten zu überstehen, neu Vertrauen zu fassen und durchzuhalten, bis das Ziel erreicht ist (vgl. Papst Benedikt XV.: Enzyklika „Spe salvi“, 1).
 
Hoffnung hat das Volk Israel in Zeiten der Not und Unterdrückung oft gebraucht und auch bekommen. Unter der Herrschaft der Assyrer hat der Prophet Jesaja den Israeliten verkündet, dass aus dem Stamm Davids bzw. seines Vaters Isai einst ein neuer König hervorgehen und ein ewiges Reich des Friedens gründen würde (vgl. Jes 9,5): „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“ (Jes 11,1).
 
Hoffnung lebt von guten Erfahrungen und wächst, wenn Vertrauen bestätigt wird. Das Vertrauen auf die Verheißung Jesajas wurde bestätigt. Denn mit Christus ist aus dem Stamm Isais (lat. Jesse) ein König hervorgegangen, der das Reich Gottes in dieser Welt begründet hat und es einst vollenden wird. Daran erinnert das Weihnachtslied: „Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art“ (Gotteslob, 243).
 
Hoffnung haben wir Menschen in dieser Welt aber nie als unverlierbaren Besitz, denn sie wird in unserem Leben immer wieder angefochten und von Zweifeln bedroht. Die Hoffnung ist ein zartes Pflänzchen, das gepflegt und geschützt werden muss, um wachsen und in den Stürmen des Lebens bestehen zu können. Wenn das geschieht, kann die Hoffnung aber zu einem starken Anker werden, der uns in schweren Zeiten Halt und Zuversicht gibt.
 
Von Herzen danke ich allen, die in ihrem Leben und Glauben das zarte Pflänzchen der Hoffnung kultivieren und dazu beitragen, dass es in den Herzen der Menschen Wurzel schlägt. Denn in einer Welt voll Angst und Schrecken braucht es mehr denn je Menschen, die Hoffnung haben und ausstrahlen, die unbeirrt an das Gute glauben und sich furchtlos dafür einsetzen, die mit Freude und Gottvertrauen beim Aufbau einer besseren Welt mitwirken.
 
An Weihnachten hören wir, dass Gott die Hoffnung für unsere Welt nie aufgegeben hat und durch seinen Sohn Jesus Christus Mensch geworden ist, um uns Menschen nahe zu sein und unser Leben mit uns zu teilen, um uns auf allen Wegen unseres Lebens zu begleiten und beizustehen. Möge die weihnachtliche Botschaft von der Nähe und Liebe Gottes immer mehr Ängste schwinden lassen und Hoffnung schenken. In diesem Sinne wünsche ich Euch allen:
 

Frohe Weihnachten

Euer Pfarrer Thomas Holler
 
  

Dekan Thomas Holler

Leiter der Seelsorgeeinheit
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